Mongol­ei 2006

Nico Götze

Jahrgang: 1977

Nico Götze, auf der Reise der Fotograf (1100 Dias). Die weiteren Aufgaben in dieser siebenwöchigen Ehe waren das Kochen, das GPS bedienen, alle Batterien im Solarlader zu laden und unser Geld in einem kleinen Beutel an meinem Hosengurt durchzuschwitzen. Neben meiner Kleidung transportierte ich zwei Radtaschen für Lebensmittel und Kochutensilien (2 Kocher, Geschirr, Wasserfilter), sowie im Anhänger das Zelt, 2 Wassersäcke, 2 Isomatten.

Im normalen Leben sitze ich im Büro meines Wander- und Bergsporthandels und sorge dafür, dass OUTDOOR WORKS Monat für Monat im Internet den harten Konkurrenzkampf für sich entscheiden kann.

Jens Bernhardt

Jahrgang: 1977

Jens Bernhardt - auf der Reise hauptverantwortlicher Schriftführer. Auf über 50 Seiten Tagebuch hielt ich täglich die Ereignisse fest. Ansonsten sorgte ich dafür, dass nach jeder Ankunft das Zelt aufgebaut und eingeräumt wurde. Aller paar Tage checkte ich als Chefmechaniker unsere Bikes. Auf meiner Lenkertasche hütete ich die Landkarten und konnte so stets mit den Einheimischen über den besten Weg diskutieren und mich von Nico dabei fotografieren lassen. Zusätzlich zu meinen persönlichen Sachen waren die Radtaschen „Büro und Technik", sowie „Werkstatt" ein stetiger Ballast an meinem Stahlross. Im Anhänger machten mir dann unsere beiden Schlafsäcke, 2 Isomatten, 2 Paar Wanderstöcke, 2 Wassersäcke und diverser Kleinkram das Fahren schwer.

Im normalen Leben arbeite ich in einem Luzerner Architekturbüro.

01.07.2006 Kultuk, RUS km 110 / Tag 04.

Eigentlich glaube ich das alles noch gar nicht richtig. Letzte Woche sass ich noch im Büro umgeben von all den Sicherheiten, die die Schweiz zu bieten hat. Gleichsam eingelullt in den Rhythmus des Alltags, seltsam leer im Kopf, mit einer grossen Sehnsucht im Herzen. Ein halbes Jahr Planung, Vorbereitung, recherchieren und träumen liegt nun hinter uns. Die Realität, sie steht nicht nur vor der Tür, nein, sie hat uns schon eingeholt. Kaum merklich sind wir von einem in den anderen Aggregatzustand gewechselt. Wir sind auf der Reise, auf der Suche nach Antworten, deren Fragen noch nicht gestellt sind.

Der Unternehmung Hände sind geschüttelt, Tränen geflossen, die ersten Tropfen geschwitzt, und wir sind am Anfang und gleichzeitig schon mittendrin.

Irkutsk empfängt uns freundlich und unaufgeregt. Wir verbringen unsere ersten Tage in den Mühlen der Bürokratie und üben uns in Geduld. Am vierten Tag der Reise steigen wir endlich auf die Räder.

Jetzt sind wir frei. Fühlen uns gut. Unabhängigkeit und Freiheit bleiben nicht nur Phantasien, sondern können nun Wirklichkeit werden. Das Ziel für heute ist klar. Baikalsee. Titel gebender Startpunkt unserer Reise. Doch erst die Arbeit. Und es ist wirklich mühsam. Stellenweise auch quälend. Das stetige auf und ab zermürbt uns. Einzig der Gedanke an den See und unser Ehrgeiz, nicht schon am ersten Tag zurückstecken zu wollen, lassen uns durchhalten. Hinzu kommen noch die freundlichen Russen, die uns anspornen. Jede Menge Verkehr. Ein LKW überholt uns, etwas später steht er am Strassenrand, der Fahrer samt kleinem Sohn warten auf uns, um mit uns Kwas zu trinken. Leider lehnen wir ab. Noch ein wenig scheu und voreingenommen, von diversen Warnungen vor den russischen Ganoven. Nach jedem Berg hoffen wir, dass es der letzte war. Mühen uns Kilometer um Kilometer - und sie kommt. Die Abfahrt, die letzte, hinab zum Baikal. Dort sehen wir ihn nun zum ersten Mal. Hinzu stösst Lionel aus der Schweiz. Seit April fährt er von der Schweiz nach Wladiwostok. Seit 6000 Km ist die heutige Etappe auch für ihn die schwerste seiner Reise. Zusammen fahren wir das letzte Stück hinab nach Kultuk. Obligatorisches Bad am Strand. Die Nacht bekommt mir nicht. Der nahe Hafen, die Transsibirische Eisenbahn und die Strasse produzieren Lärm...

03.07.2006 bei Mondy, RUS km 323 / Tag 06.

... Zerstochen von riesigen Bremsen und den unglaublich lästigen Mücken liegen wir nun im Zelt. Heute lief es gut. Endlos erscheinende Geraden durch Dörfer und über offenes Land bestimmten die Fahrt. Rechts von uns baute sich eine alpenähnliche Bergkette auf. Die Sonne brannte und verbrannte erbarmungslos.Hierin wird man einfach nicht schlauer. ... Wir fragen uns, wer den Bach neben uns an- und abdreht. Mal hört man ihn nicht, dann plätschert er wieder munter vor sich hin. Und die Mücken produzieren ein dermassen lautes Sirren, das die Luft zu vibrieren scheint.
Stunden später zwingt uns ein nahendes Gewitter, das Überzelt zu aktivieren. In Erwartung, dass die Mücken schlafen, stürzen wir uns in T-Shirt und Slip in die Arbeit und kehren zerstochen zurück. Na dann, gute Nacht. Das Gewitter kam nicht.

8:00 Uhr brennt die Sonne gnadenlos auf das Zelt. Heute schaffen wir es, im Langarm-Sonnenschutz, schon gegen 11:00 Uhr loszufahren. Wir rollen gemütlich das Tal entlang. Es weht kein Wind und die Sonne ist gnadenlos. Plötzlich hört die Strasse auf und die Berge beginnen. Kilometer um Kilometer rumpeln wir über die Schotterpiste und fressen aufgewirbelten Staub. Am schlimmsten sind die Insekten. Je weiter wir fahren, desto mehr werden es. Riesige Bremsen, schöne, farbig schillernde Tiere, bringen uns wirklich aus der Ruhe. In dichten Schwärmen greifen sie an. Doch endlich erreichen wir das rettende Dorf Moigomui und entspannen uns bei köstlich duftenden Brotfladen, Pelmeni und Tee.

Überall wo wir halten, zum Einkaufen oder Essen, kommen wir ins "Gespräch“. Die Menschen sind herzlich und hilfsbereit. Die positiven Begegnungen häufen sich, negative gibt es keine. Unsere anfängliche Skepsis gegenüber Russland ist grosser Dankbarkeit und Zuneigung gewichen.

Umso näher wir Mondy kommen, desto wilder und schöner wird die Landschaft. Der Irkut schlängelt sich neben uns her und am Abend finden wir einen herrlichen Platz zum Campen. Ein russisches Reiseteam ist schon da und sofort werden wir herzlich empfangen und eingeladen. Mit Andrei, Tanya und all den anderen verleben wir einen wahrhaft zauberhaften Abend.

Wir sind umgeben von tollen Bergen, unter uns rauscht der Fluss. Eis und Schnee haben sich nicht vollends der Hitze gebeugt. 2:00 Uhr wird es Zeit zum Schlafen. Wenige Stunden später überrascht uns wieder ein Gewitter und diesmal kommt es wirklich...

04.07.2006 Grenze zur Mongolei km 340 / Tag 07.

Deutschland hat sein Viertelfinale verloren, wir unseren Traum von der Nord-Süd-Durchquerung der Mongolei. Es ging einfach nicht weiter in Mondy. Am Pass hat uns der freundlichste russische Grenzer Sibiriens mitteilen müssen, dass er es sehr bedauert, uns nicht durchlassen zu können und das er sehr gut versteht, dass wir zum Khövsgöl Nuur möchten. Auf unsere Frage, wieviel eine Erlaubnis kosten würde, reagiert er sehr souverän – nämlich gar nicht.

Plan gescheitert, Alternativen haben wir bisher nicht angedacht. Damit beginnen wir nun. Es fällt schwer, in brütender Hitze klare Gedanken zu fassen. Nach 4 Stunden räumen wir uns und die gesamte Ausrüstung in einen mongolischen Kleinbus und fahren das Tal zurück nach Kyren. Weiter fährt heute kein Bus mehr. In der Gastiniza „Druschba“ finden wir eine kleine hässliche Unterkunft.

Dann verlieren wir den Verstand und lassen uns von zwei russischen Arbeitern zum Umtrunk einladen. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Erinnern werden wir uns kaum, spüren aber die Folgen am nächsten Morgen …

... Man kennt das ja: aufwachen und sterben wollen. Die Spur des Grauens verschwinden lassen und immer Mal wieder vom Balkon kotzen.

Wir müssen so schnell wie möglich raus hier. Unser Ziel ist der Baikal. Recht schnell finden wir einen netten Russen, der uns zügig nach Kultuk bringt. Baden, sonnen, Wäsche waschen und vergessen.

Wir hören die Kinder am Strand toben, die Transsib am Bahnübergang tuten, den Stationssprecher von Sludjanka eine Ansage machen und ein paar Autos durch Kultuk fahren. Ein Motorboot legt von der Mole ab und irgendwoher kommt ein Lied durch den Äther geweht. Alles nicht laut genug, das Vogelzwitschern und Mückensurren zu übertönen. Jedoch laut genug um zu wissen, dass wir etwas anderes wollten.

08.07.2006 Selenginsk, RUS km 650 / Tag 11.

Wir sind nun den dritten Tag auf der M 55 unterwegs. Die Strasse ist in einigermassen gutem Zustand. Dafür hassen wir die ständige, autofahrende Gefahr im Rücken. Die Strassenführung ist recht eintönig, stellenweise einschläfernd. Entlang der Strecken wechseln sich Birkenwälder mit Birkenwäldern ab. Parallel zu unserer Linken verläuft die Strecke der Transsib, dahinter liegt der Baikalsee. Dieser hat uns an den letzen beiden Abenden Obdach gewährt. Sehr schön am Strand, mit klarem aber eisigem Wasser, traumhaften Nebelformationen, die immer wieder skurile Landschaften in den Himmel zaubern oder die Umgebung in Tröpfchenwatte hüllen. Die Atmosphäre ist fast friedlich, wären da nicht in regelmässigen kurzen Abständen die Züge, welche, hunderte Meter und Waggons lang, ganz nah am Strand vorbeidonnern.

Wir wollen nun schleunigst in die Mongolei. Unsere Karten sagen nichts aus über unsere momentane Umgebung. Hierher wollten wir ja gar nicht. Am Donnerstag (Tag 9) trafen wir zwei Schweizer Motorradfahrer, in deren Autoatlas ein Weg von Babuschkin über die Berge nach Gusinoozersk von ca. 80 Km Länge eingezeichnet war. So könnten wir den Umweg über Ulan-Ude vermeiden. Und der Autoatlas vom deutschen Doktoren-Ehepaar, die die Hamburg-Shanghai-Rally begleiten, bestätigt uns dies heut morgen. Nach 20 km finden wir den Abzweig. Dieser fängt gut an (siehe Foto), aber schon nach wenigen Kilometern und massivem Zeitverlust geben wir zerstochen und entnervt auf. Also starten wir am späten Nachmittag Richtung Selenginsk. Mir schmerzt der Arsch so sehr, dass ich beide Radhosen übereinander ziehe. Die werden dann auch prompt vollkommen nass. Wir fahren noch rund 20 km im Regen. Bis wir bei Juri und seiner Familie Abendbrot, Unterkunft und Frühstück bekommen. Nach dem Duschen gibts gefüllte Teigtaschen, Fisch und Borschtsch. Nachts passt der Hund auf unser bescheidenes Zimmer und die Garage mit unseren Rädern auf. Juri baut grad ein Motel. Die Duschanlage ist schon fertig, dass Café wohl schon länger da und wir sind wahrscheinlich die ersten Gäste im noch nicht vollendeten Motel. Ein eisernes Doppelstockbett mit Stahlhängematten macht das Schlafen schwer. Noch 340 km bis Kyachta.

14.07.2006 Schuschik-Under, MGL km 1.102 / Tag 17.

Seit einigen Tagen sind wir nun in der Mongolei unterwegs. Unvorstellbar offen ist nun alles, keine waldgesäumten Strassenschluchten mehr, sondern grüne Weite, ferne Berge und einige weisse Sprenkel.

Tag 13 ... Die grenznahen Städte unterscheiden sich kaum von den russischen. Nur die schiefen, liebevoll verzierten Holzhäuschen fehlen. Verfallene Industrie steht neben schönen Ziegelhäusern, zwischen heruntergekommnen Plattenbauten versammeln sich Buden, Container und kleine Häuser.

Wir geniessen die Fahrt durch eine fast unwirklich erscheinende Welt. Sanftes grün mischt sich mit braunen, fliessenden Hügelketten. Darüber spannt sich der Himmel, soweit das Auge reicht.

Ein Stopp. Ein Dorf. Eine Schranke. Eine Gaststube. Es gibt diesen typischen Mongolentee: Schwarztee, Salz, Milch. Dazu Hefeteilchen und Nudelsuppe mit Fett und Fleisch vom Schaf. Das lässt uns die letzten Kilometer zum Rastplatz überstehen.

Wir halten zwischen Jurten und Herden. Neben uns weiden Pferde. Die abendlichen Tätigkeiten sind schon Routine geworden. Wasser suchen und filtern, Zelt aufbauen, Kocher an, Topf drauf, Nudeln oder Reis, Brühwürfel oder Tütensuppe, Wurst oder Fleisch rein. Teekochen. Pusten, essen und geniessen. Wir sitzen unter einer riesigen Käseglocke. Während die Sonne untergeht verlieren die Berge ringsum ihre Plastizität, wirken wie riesige Pappkulissen und wir fühlen uns wie in „Truman Show“. Der Mond kommt. Geht auf. Vollmond. Gross und rund steigt er bedächtig höher. Rötlich erst, dann immer heller werdend, steht er bald wie ein mächtiger Scheinwerfer am Firmament. Wir fühlen uns gut.

Tag 14 ... Wir verlassen die mongolische Haupttrasse und biegen Richtung Erdenet ab. Kurz vorm Orchon Gol machen wir an einem Bächlein halt. Körperpflege. Wir stehen beide splitternackt im Bach, unweit von uns verlangsamen die wenigen Fahrzeuge merklich die Geschwindigkeit.

Tag 15 ... Heute nehmen wir die lange Strecke nach Erdenet auf uns. Stetiger Anstieg. Auf den beiden Pässen nerven die Fliegen, die in grosser Zahl und winzig klein, versuchen, in alle möglichen Körperöffnungen einzudringen. Die letzten 25 Km schwanken wir zwischen campen am Strassenrand oder durchhalten bis zum Hotel in Erdenet. Wir halten durch und werden belohnt. Das „White House Hotel“ ist unsere Zuflucht und die Dusche unglaublicher Luxus.

Tag 16 ... Erdenet ist angenehm. Es gibt eigentlich alles, was eine Stadt haben sollte. Trotz Reisbrett-Planung haben sich gewachsene Strukturen in Form kleiner Wohnhäuser und Ladenbaracken um das Zentrum herum entwickelt.
Aber die Strasse ist zu Ende. Definitiv. Wir kommen nun langsamer voran. Trotzdem erreichen wir Bulgan noch vor Ablauf unseres Tagespensums. Und so kaufen wir nur kurz Lebensmittel für die nächsten Tage bis Karakorum. Während wir im Laden Waren anhäufen, darunter „Super-Kontik“ aus der Ukraine, unser beider Keksfavorit, bildet sich draussen eine grosse Menschentraube um unsere Bikes. Alles ist wie immer.

Tag 17 ... Fahren bis in die Dämmerung. In der Ferne, mitten in der Ebene erhebt sich ein merkwürdiger Steinhaufen. Ringförmig darum liegt ein Steinkreis. Ein mystischer Ort. Wir campieren hier und sofort, pünktlich zum Abendessen, erscheinen die Nomadenjungs (siehe Bild), welche recht lang bleiben. Es ist ein lustiger Abend. Aber sie fürchten sich ein wenig vor dem Steinhaufen und erklären uns, dass diesem Geister entsteigen...

18.07.2006 bei Karakorum, MGL km 1.305 / Tag 21.

Wieder sind einige Tage vergangen.

Tag 18 ... Haben heute das Äusserste gegeben. Die Strecke zum Ogii Nuur war lang und höchst strapaziös. Das lag vor allem am Untergrund. Loser Schotter, Sand und Waschbrettpiste beanspruchten Körper und Kopf. Eigentlich verwunderlich, dass nichts passiert ist. Mit Wasser waren wir recht knapp, so dass wir grossteils mit trocknem Mund, nach Wasser lechzend, vor uns hinstrampelten.

Tag 19 ... Regen weckt uns, und das am freien Tag. Aber so kann man wenigstens bis Mittag weiterschlafen und sich dann ins 20°C warme Wasser des Sees stürzen, sich und die Kleidung waschen. Räder und Ausrüstung checken. Frühstücken, faulenzen. Einfach mal ausspannen. Dass Wetter bessert sich. Mit dem Aufstehen stoppt der Regen, nur die graue Wolkendecke und der kühle Wind bleiben. Wir spazieren stundenlang den Strand entlang . Die Biketaschen liegen, wie immer, vorm Zelt. Genau wie die Räder, das Zelt selbst steht unverschlossen da. Wo sonst kann man sich so sicher fühlen?

Der Tag tut uns beiden gut. Wir haben Platz, Wind und Wasser, in unseren Gedanken und Gesprächen die Liebsten daheim und noch immer viel spannende Reisezeit vor uns.

Tag 20 ... Wir rollen in Karakorum ein. Die historische Hauptstadt der Mongolei. Vor dem, in seiner Ausdehnung den Ort beherrschenden Kloster, sind wir schnell die Attraktion. Bis uns eine kleine Mongolin in ihr Heim entführt. Dort begrüsst uns der über neunzigjährige Grossvater und wir bekommen unsere eigene Jurte zugewiesen. Nach dem Abendessen geniessen wir die Ruhe in dem kleinen Hof. Ein unglaublicher Sternenhimmel spannt sich über uns auf. Der Mond begleitet unsere Nächte nicht mehr und die letzten Tage war es immer bedeckt. Aber was sich hier und jetzt am Himmel zeigt, ist atemberaubend schön.

Tag 21 ... Wir verschlafen. Trödeln beim Frühstücken. Trödeln beim Packen. Besichtigen die Klosteranlage und schreiben Stapel von Karten nach Hause. Am Abend schaffen wir es doch noch, endlich aufzubrechen. Es kommt Freude auf. Ein Licht, eine Stimmung wie im Bilderbuch. Und der grossartigste Regenbogen, den ich je sah. Die Sonne scheint und es regnet und wir sind wieder versöhnt mit der Natur, wieder eins und glücklich, aus der Stadt in Freiheit zu sein. Die Unabhängigkeit scheint uns immer wichtiger zu werden. Frei sein – hier erlebe ich, was das heissen kann...

18.07.2006 bei Karakorum, MGL km 1.310 / Tag 21.

Fragmente aus Nicos Aufzeichnungen der letzten Tage

... Jetzt ist es tatsächlich so, wie ich es mir erhofft hatte. Die letzten 120 km sind wir teilweise durch so abgelegene Täler und Hochebenen gefahren, dass die Jurtenbewohner nicht mal wussten, in welche Richtung die von uns angegebenen Städte liegen könnten. Oder wir haben es mal wieder nicht richtig ausgesprochen - kann natürlich auch sein. Es ist irgendwie total befreiend, auf einer 2000m hohen Ebene mit dem Rad zu fahren, auf einer alpinen Wiese mit Unmengen Edelweiß Mittagspause zu machen und den ganzen Tag nur einer handvoll Fahrzeugen zu begegnen.

... Mit Siebenmeilenstiefeln nähern wir uns nun der Wüste und ich bin von Tag zu Tag gespannter, ob ich mit der veränderten Umgebung klar komme, oder ob mir das ganze dann doch zu öde ist.

... Wir diskutieren, was es alles aufzuschreiben gibt: Die Farbe der Piste, das tolle Licht nach dem Gewitter, der Regenbogen, und wie man sich dabei gefühlt hat, das Jurtengedöns, mein erster Trockenkäse seit 3 Jahren, die erste Ziege, die ich streichelte, das erste Schaf das ich versuchte zu fangen, der höchste Punkt, über den ich je mit dem Rad fuhr.

... Unsere Körper sehen langsam aus wie gestählte Maschinen, trotzdem glaube ich, dass uns die Gobi alles abverlangen wird. Vielleicht werden wir es auch gar nicht schaffen. Wenn doch, wäre es ein schöner Höhepunkt der Reise…

… Manchmal braucht man Abstand von den Dingen. Hier bekommt man, soviel man will...

18.07.2006 bei Rudschiert, MGL km 1.325 / Tag 21.

Wir finden einen schönen Lagerplatz. Sofort lädt uns ein Nomade ein, bei ihm und seiner Familie das Zelt aufzuschlagen. Neugierig nehmen wir an.

Drei Jurten stehen zusammen. Alle gehören sie zur Grossfamilie. Wir werden herein gebeten und sogleich wird uns säuerlicher, trockener Käse und Airag angeboten. Und zwei Eimer voll, ja, ich denke für deutsche Verhältnisse: Schlachtabfälle, Innereien. Nach kurzer Überwindung kauen wir doch jeder auf zwei kleinen Stücken herum.

Wir beschließen draussen zu kochen. Das gerät dann zum Aktuellen Kochstudio. Aber anscheinend schmeckt es nur uns.

Ich werde zum Kuhhirten, während Nico tapfer versucht, Zicklein zu fangen. Anstatt Fussball zu spielen, werden wir eingespannt, Ziegen und Schafe zu trennen und letztere ins Gatter zu sperren. Aus Schutz vor den Wölfen.

Alle sind sehr nett, nur unser Gastgeber verhält sich recht ungebührlich. Und als er anfängt, sich in unserem Zelt herumzuwälzen, erklären wir die Schlafenszeit für gekommen. Die Kinder schlafen draussen.

19.07.2006 bei Arwaicheer, MGL km 1.403 / Tag 22.

Packen und verabschieden. Zigaretten, Bonbons und Pferdbilder auf der einen, Airag und zwei Tüten Trockenkäse auf der anderen Seite, wechseln die Besitzer. Wir sind sehr zeitig dran. Erleben so noch, wie der kleine Sohn der Familie sich die Hand bricht. Aber mehr als Schmerzmittel zu geben, können wir nicht tun. Die Hand sieht aus wie ein aufgeblasener Gummihandschuh. Die brutale Wirklichkeit. Kein Arzt. Überleben ist angesagt hier draussen. Und der Alltag ist hart. Ein Pferd wird zugeritten. Hart für das Pferd und Knochenarbeit für die Nomaden. Aufbruch. (siehe Bild) So früh am Tag geschah das bisher selten. Dieser Umstand und das gut Wetter heben die Laune beträchtlich und wir pedalieren uns so auf über 2000 müM. Für uns ist das hier Mongolei pur. Wellige Berge, Hochebenen, kleine sich unendlich windende Flüsschen, Edelweisswiesen. Ein herrlicher Kräuterduft schwirrt in der warmen Luft. Das Fahren fordert uns. Macht Spass. Alles ist dabei. Faustgrosser Schotter, Wiese, Sand, fester gut rollender Untergrund, Furtdurchfahrten. Stundenlang kein anderes Fahrzeug. Kurz vor Arwaicheer campieren wir am Fluss auf golfplatzähnlichem Rasen. Baden im schlammigen Flusswasser und kochen mit dem Wasser aus den klaren Tümpeln. Wäsche waschen wir nur das Allernötigste und beginnen dann den gemütlichen Teil des Abends, essen und Sterne gucken, Geschichten erzählen und schlafen.

20.07.2006 bei Brigada Tuja km 1.478 / Tag 23.

... Wir geniessen den frisch gemähten Rasen vor unserem Heim. Auf glattem Asphalt gleiten wir die 15 km in die Aimag-Hauptstadt Arwaicheer. Ich versuche eine Stunde ergebnislos, Mails zu lesen oder zu schreiben. Letztlich gelingt es Nico eine Sammelmail abzusenden. Der nun folgende Einkauf bis Bogd, wir rechnen mit 4 bis 5 Tagen, gestaltet sich nicht viel einfacher. Im ersten Delguur gibt es fast nichts, doch das Angebot steigert sich von Laden zu Laden und wir beladen unsere Räder mit rauen Mengen Lebensmitteln. Zum Abschluss unseres Stadtaufenthalts suchen und finden wir einen Guanz. Ziemlich abgefuckt sieht es aus und es gibt wieder nur "Boots", diese Teigtäschchen mit Schafsfleischfett.

Wir erwerben zusätzlich zum Mineralwasser noch 20 l Wasser zum Kochen. Mit ca. 75 kg schweren Fortbewegungsmitteln ziehen wir von dannen. Uns geht es da gleich - endlich raus aus der Stadt. Die ersten Kilometer laufen noch zäh, doch dann beginnt eine faszinierende Endurostrecke mit Rückenwind, die uns viel Spass macht. Wir donnern mit den überladenen Rädern über faustgrosse Steine, durch Sandlöcher und kleine Schlammteiche.

... Das Zelt steht auf einer Anhöhe mit Blick auf die weiten Ebenen vor und hinter uns. Der Sturm treibt die Wolken umher, drückt aber leider auch das Zelt fast kaputt. Nico kocht, wie immer. Doch irgendwas scheint doch anders zu sein. Irgendwie schmecken die Nudeln versalzen, aber tapfer stecken wir die 500g Nudeln, 400g Wurst, Zwiebel und Tütensuppe in uns hinein. Dazu 2 Liter Tee und 1 Liter Wasser. Doch das reicht nicht. Nachts brennen die Kehlen und wir spülen literweise Wasser nach. Die Tütensuppe war keine Tütensuppe, sondern Brühe für 40 Portionen. Das Gute ist, dass wir nun zu unserem Brühwürfelvorrat auch noch Brühe für 120 Portionen haben. Wer weiss, wozu es gut ist. Der sternenübersäte Nachthimmel entschädigt für alles. Wir liegen eingepackt in die Schlafsäcke, den Kopf vorm Zelt. Und staunen ins funkelnde Firmament.

22.07.2006 bei Bogd km 1.604 / Tag 25.

Tag 24 ... Da steht ein Pferd vor der Tür. Und dazu der Besitzer. Beide stehen da und schauen mir dabei zu, wie ich schlaftrunken mich und eine Isomatte aus dem Zelt zerre. Ich fordere einen der beiden zum Setzen auf, reiche Kekse und Chlorwasser. Kurz darauf verschwinden sie zum nahe gelegenen Obo und dann hinter den Hügeln.

Richtig Freude am Fahren vermag heut nicht aufzukommen. Wir rumpeln über Wellblech-Strecken im Sand, der Wind bläst uns von der Seite an, dann verlieren wir die Hauptpiste und quälen uns nach Gutschin- Us. Die Stadt kommt uns zunächst abweisend und befremdlich vor. Wie ein Bild aus "Spiel mir das Lied vom Tod". Doch mit den Menschen ändert sich dieses Bild. Winken und Zurufe. Freundliche Gesichter lachen uns an. Wir werden befragt, die Räder ausgiebig untersucht.

Wir fahren hinaus in die Wüste. Nun sind wir allein. Allein mit dem Sand, dem Schnittlauch und dem immer stärker werdenden Wind. Sturm bläst uns ins Gesicht. Weit und breit kein geschütztes Plätzchen. So fahren wir einfach weiter und als der Wind nachlässt, hören wir genauso einfach auf. Hier sind wir. Wir nennen es das Nichts. Über uns stehen Wolken zum Greifen nah. Vor, neben und hinter uns das gleiche Bild. Unter uns Steine, Sand und vereinzelte Bündel dürren Schnittlauchs. Alles wirkt so unentschieden. Der Regen, der Wind, die Landschaft. Die pendelt irgendwo zwischen Steppe und Wüste.

Tag 25 ... Die Stille kann uns nicht wecken. Die Sonne heute auch nicht. Einzig auf den Harndrang ist Verlass.

Ich wusste bisher nicht, dass die Wüste so windig ist. Mit 30 - 50 Km/h stürzt sich dieser von oben, schräg oder seitlich auf uns. Nur nicht von hinten. Hinzu kommen noch Pisten, die jeder Beschreibung spotten. Und wir fahren ins Zentrum des Nichts. Keine Pflanzen mehr. Nur der Wind, Sonne, Steine, Sand und ein Paar Salzseen. Wir kommen kaum vorwärts. Mit 9, 10 oder 11 Km/h stemmen wir uns gegen den Wind. Bogd rutscht in unerreichbare Ferne. Als nichts mehr geht, hören wir auf. Die Sonne ist weg, verschwindet und hinterlässt Windruhe. Wir hocken allein in der Wüste. Lauschen in die Leere und beobachten in der Ferne ein Gewitter. Das Auswickeln eines Bonbons macht entsetzlichen Krach.

Das waren heute Stunden voller Kampf. Kampf gegen die Elemente und gegen den eigenen Schweinehund, der plötzlich die Sinnhaftigkeit einer Wüstendurchradelung anzweifelt und zur Aufgabe rät. Trotzdem, ich fühle mich frei in einem nie gekannten Mass. Das Selbstbewusstsein wächst, wie mein Bauchumfang schrumpft. Langsam aber beständig.

23.07.2006 Wüste Gobi km 1.661 / Tag 26.

Der Tag fängt heiss an. Länger als 8:30 Uhr hält man es im Zelt nicht aus. Stürmischer Wind begrüsst uns auch heute wieder fröhlich.

Wir stinken. 4 Tage liegen inzwischen zwischen unserer Haut und dem letzten Wassertropfen. Tage voller Staub und Schweiss. Der Himmel in der Wüste ist auch in bedecktem Zustand grell. Die Sonne ist sehr intensiv. Man muss furchtbar aufpassen, sich nicht vom Wind täuschen zu lassen und unbemerkt zu verbrennen.

Wir rollen nach Bogd. Der Wind schiesst uns schräg von hinten durch eine grandiose Landschaft, die aussieht wie ein Aquarell, in unterschiedlichsten Farben: der Himmel grau, weiss, blau, die Berge ocker, oliv, rot, die Erde braun, gelb und grün. In Bogd ist kaum was los. Es ist Sonntag und wir habe es nicht gemerkt. Unsere Tugrik sind alle. Kein Laden möchte Dollar nehmen. Was nun? Ohne Wasser und ausreichend Lebensmittel die 3 Tage zu den Dünen in Angriff nehmen? In Bogd auf die Banköffnung am Montag warten? Beides keine Alternativen. Irgendwas zu verkaufen funktioniert nicht. Wir rennen solange mit einer 10-Doller-Note durchs Dorf, bis sich einEinheimischer erbarmt und sich für und mit uns auf die Suche nach jemandem macht, der uns wechselt. Während dessen macht uns seine Mutter ganz frische Nudeln, dazu Kartoffeln und Fleisch und eine Dreiliterkanne Tee. Nach einem schlechten Tauschgeschäft bekommen wir alles, was wir fürs Leben und Überleben brauchen. Kekse, Brotteile, Zwiebeln, Steine (Gebäck) und 22 Liter Wasser. Nach 4 Stunden können wir endlich los, auf zum Gebirgszug. Erst die Annäherung auf langer, leicht geneigter Ebene. Ich denke über meine Lieblingsbücher nach. Wir nähern uns indessen einer Schlucht. Die Szenerie erinnert mich an die Abenteuer der Abrafaxe. Es beginnt zu regnen. Leicht. Stärker. Stark. Wir flüchten in eine Jurte. Bekommen frischen Käse, verteilen Kekse und fahren in weniger starkem Regen weiter nach oben. Lang und technisch schlängelt sich der Weg hinauf. Eigentlich ist es ein Flussbett. Irgendwann stehen wir am Obo, nass und kalt, der Wind ist noch stärker geworden. Weiterhin atemberaubende Natur, der Wind schiebt uns, wir kommen vom Weg ab und stehen kurz vor Sonnenuntergang auf einer ungeschützen Ebene zwischen zwei Bergmassiven. Der Wind ist kalt und orkanartig. Zu zweit ist der Zeltaufbau gerade so zu händeln. Kochen macht wenig Sinn, wir essen, dick eingemummelt, Kekse und Brot mit Konfitüre und Käse. Die Nacht ist sehr unruhig. Wir müssen befürchten, dass es uns das Zelt zerfetzt.

24.07.2006 Wüste Gobi km 1.716 / Tag 27.

Der Tag beginnt mit Sturm und verquollenen Augen. Das ist teilweise aber nicht so schlecht, da der Wind erstmal von der richtigen Seite bläst und uns vorwärts treibt. In einer unglaublichen Landschaft voller Vulkane und attraktiver Fotohintergründe. Das kostet Zeit. Steine sammeln auch. Stundenlang könnte ich über den Boden kriechen um Steine zu suchen. Doch wir müssen weiter, Ziel ist es, das Gercamp Tovshin 2 zu erreichen. Morgen. Der Wind schlägt um. Es wird wieder mühsam. Plötzlich stürmen drei aggressive Kläffer auf uns zu. Adrenalin fliesst und treibt uns an. Zu unserem Glück knickt der Weg ab und mit dem Wind schaffen wir die Flucht. Jetzt ist Pause. Ist auch bitter nötig, da das nächste Hindernis bereits wartet. Ein Sumpf. Erst versuchen wir, ihn zu umfahren. Zu weit. Wir schieben nun durch zähen, stinkenden Schlamm bis uns ein tiefer Graben den Weg versperrt. Es nützt alles nichts. Wir müssen hier rüber. Räder abladen, Hänger ab und alles rüber tragen. Es geht weiter. Stehen bleiben. Zelt zu zweit im Wind aufbauen, Nudeln kochen, Sternschuppen und „ISS“ schauen.

24.07.2006 Wüste Gobi km 1.716 / Tag 27.

"Wir fahren vom Arsch der Welt zum größeren Arschloch." Heute sind wir im NICHTS angekommen. Hier gibt es weder richtige Wüste, oder Berge noch Steppen. Hier scheint es "nur das NICHTS der unendlichen Geschichte zu geben". Uns umgeben Wolken, die "die restliche Welt verschlucken". Als wir heute unser Lager aufschlagen, sind wir nirgendwo angekommen, wir haben einfach nur aufgehört Rad zu fahren. Aus dem NICHTS habe ich Schnittlauch zum Reis gekocht, das war eigentlich nicht schlecht, hat aber im Mund etwas gestachelt. Wir liegen im Zelt, es fängt wieder an zu stürmen und wir essen Steine (1). Das Fischmus war wenig befriedigend.
Jetzt tobt der Wind draußen so stark, das sich das Zelt verformt und ich Jens auffordere, "Mein Arschloch anzuschauen" (2). Immer noch besser, als ein Problem mit dem Wasser zu haben, dann kann es passieren, "dass man seine Flasche nicht voll machen kann, weil man nichts mehr im Sack hat".
Die Steine sind gleich alle, sind "eh nur noch rote", der Wind ist wohl auch bald aus - passt sowieso besser zum NICHTS. Morgen fahren wir zur Hauptstadt des Nirgendwo (Bogd) um zu Guansen (3) und herauszufinden, was wir die nächste Woche alles so machen. Ich schlaf gleich im liegen ein und lausche noch ein bisschen, wie jemand draußen einen Reisverschluss aufmacht der nicht existiert - scheiß Wind! Als der nächste Jahrhundertregen einsetzt kratze, ich mir die Hautfetzen aus dem Gesicht und bemerke, dass meine Hand nach Fisch stinkt und wir eigentlich noch Zähne putzen müssten - na ja Zambajno!

1 "Steine" waren runde weise, recht trockene und wenig schmackhafte Gebäckteilchen, die uns als recht nahrhaft in Erinnerung sind…

2 eine spezielle Lüftungsöffnung des Zeltes welche sich bei starkem wind stark aufblähte und auffällige Ähnlichkeiten mit o.g. Begriff hatte….

3 Der Begriff „Guansen“ entstand aus dem aller ca. 3 Tage stattfinden Vorgang, einen so genannten Guans (eine Dorfkneipe) zu besuchen.

25.07.2006 Wüste Gobi km 1.757 / Tag 28.

... Ein neuer Wadi wird uns zum Weg durch die unendliche Stille und Weite. Kein Wind, kein Ton. Nur Sonne und das Nichts. Und weicher Sand flussaufwärts.(siehe Bild) Meine Kräfte schwinden mit jedem Festfahren rapide, genauso meine Wasservorräte. Wenn wir keine Piste finden, müssen wir wieder campen. Die letzte Flasche nimmt übel riechenden Urin auf, für den Fall der Fälle kann man das noch destillieren. Wir verlassen den Wadi, stehen aber vor einer kilometerweiten Hügellandschaft. Weit in der Ferne drei weisse Punkte. So unendlich fern und so unerreichbar. Die Gobi hat uns in der Mangel. Der Kopf gibt noch nicht auf. Noch nicht! Und wir werden belohnt, treffen auf eine Spur, die in die Ebene und endlich in die richtige Richtung führt. Ein Händereichen, und ein befreiendes Gefühl macht sich breit. Noch 10km. 1.5h. Wir erreichen die ersten Jurten und sehen am Horizont erstmals das Camp. Die Sanddünen im Hintergrund sehen wenig spektakulär aus. Ich will ankommen, Wasser und Essen. Wir halten direkt drauf zu und stehen plötzlich vor einer immensen Abfahrt, ein tiefer weiter Talkessel breitet sich vor uns aus. Gegenüber auf dem Kesselrand sehen wir erschreckend klein das Camp. Links und rechts Hügelketten. Wir müssen runter und wieder rauf. Schräg über den weichen Boden, wieder schieben, fahren und: ankommen! Was für ein Gefühl. Wir werden von freundlichen Menschen willkommen geheißen. Eine Oase inmitten des Nichts. Wir bestellen ein extra großes Abendbrot und bekommen es. Kartoffelsalat, Brühreis, Ananas, Hack mit Nudeln und Gemüse, Kirschkompott. Nach vielen Tagen genießen wir das Gefühl von Wasser auf unserer Haut und wundern uns über den verschwenderischen Umgang mit diesem Nass...

26.+27.07.2006 Tovshin II km 1.779 / Tag 29.+30.

Tag 29 ... Ruhetag…der erscheint notwendig. Nico liegt flach. Durchfall und Magen-Darm-Krämpfe wechseln sich ab. Durchfallmittel erscheinen daher unangebracht.
Ich fühle mich gut, ein wenig nachdenklich und übermüdet, aber körperlich ohne Mängel.
Nachts regnet es durchs Oberlicht genau in mein Bett und ich muss das Dach wieder schließen. Bis Mittag regnet und stürmt es weiter. Wie beim letzten Ruhetag am Ogi-See. Am Vormittag sammelt sich die Gruppe französischer Wanderfreunde in der Wärmstube. Ich erzähle mit ihnen und bin froh über eine Unterhaltung.
Ein Tag in der Wüste geht dahin. Nico verdächtigt eine Cholera, sich seiner bemächtigt zu haben. Am Nachmittag lassen wir uns trotzdem zu den Dünen fahren. Der Wind weht heftig und wir bleiben nur kurz. So richtig beeindruckt sind wir nicht. Wahrscheinlich, weil wir sie nicht selbst erfahren haben. Nico leidet. Krämpfe und Durchfall, dazwischen schlafen. Wann und ob wir hier wegkommen, wissen wir nicht. Ich bummle in den Abend hinein, nähe meine Radhandschuhe, lese Baumanns Gobi-Buch und studiere die Karten nach Alternativen.

Tag 30 ... Wir verbringen auch diesen Tag im Camp. Vormittags sitzen wir tief über unsere Karten gebeugt und planen die grobe Richtung der nächsten Tage und Wochen. Inklusive Alternativ-Routen. Dann machen wir uns ohne Gepäck auf den Weg, um die Kongorin Els zu erkunden. Es dürfte eigentlich kein allzu schwieriges Unterfangen werden. Am Nachmittag entspinnt sich ein stundenlanges Gespräch zwischen uns. Wir träumen uns eine rosige Zukunft zurecht…

Nico fühlt sich schwach, aber das Essen bleibt schon drin und der Allgemeinzustand hat sich verbessert. Das Team vom Tovshin II Camp kümmert sich sehr um uns. Wir sind die einzigen Gäste, die länger als eine Nacht da sind. Im Shop schenkt uns die Chefin als „Annerkennung“ unserer Leistung, hierher mit dem Velo gekommen zu sein, jedem ein Paar Miniatur-Reiterstiefel. Wir können beim Jurten-Abbau zusehen. Das ist eine schnelle und faszinierende Sache. Binnen einer Stunde haben drei Leute das Zelt abgebaut und im Kleinbus verladen.

28.07.2006 bei Sefrey km 1.829 / Tag 31.

Wir sind die Regenmacher. Egal wohin wir kommen, bringen wir ihn mit - auch in die Wüste. Gegen Mittag haben wir gepackt. Auch die Lunchpakete sind verstaut. Das ganze Team verabschiedet uns und wir brechen auf. Die ersten 10km zur Düne kennen wir, alles läuft gut. Auch der Weg hindurch stellt uns vor keine großen Probleme. Eine Gruppe Touris auf Kamelen kommt uns entgegen. Und einige Mongolen versuchen einen festgefahrenen LKW zu befreien. (siehe Titelblatt) Zum Teil schieben wir, der andere Teil führt durch ein ausgetrocknetes Wadi. Das Tal hinauf lässt sich größtenteils befahren. Die Probleme beginnen erst nach der Querung. Hier gibt es nur weichen sandigen Untergrund und wir müssen große Strecken schieben. Nico fühlt sich noch immer schlapp, irgendwann hängen wir die BOB’s um und nach 40km erreichen wir Sefrey. Ich hatte ein weiteres graues, heruntergekommenes Wüstennest erwartet, aber Sefrey ist gepflegt und frisch gestrichen, die Kinder und einige Erwachsene sprechen uns auf englisch an. Morgen werden hier die Naadam-Festspiele stattfinden. Wir erledigen unsere Einkäufe: Nudeln, Brotteile, Marmelade, Honig, Trockenfrüchte, Milch, Suppen, Büchsenfleisch, Kekse,…10km außerhalb der Stadt finden wir einen schönen Lagerplatz unterhalb des Sefrey- Ula, den wir morgen besteigen wollen (2631m). Der Gipfel erhebt sich noch einmal 850m über unserem jetzigen Lagerplatz. (siehe Foto)

29.07.2006 Sefrey-Ula (2631m) km 1.831 / Tag 32.

Morgendliche Routine…Aufstehen, Essen, Räder beladen. Heute nutzen wir erstmals die kiloschweren Wanderstiefel und auch die Stöcke werden erstmalig zum Gehen verwendet. Nach 6km Anmarsch steigen wir vom Sattel aus den Längsgrat entlang nach oben. Dieser führt über etliche Zwischengipfel auf recht losem Untergrund. Spektakuläre Aussichten: hinab auf die Ebene, hinüber auf den nächsten Bergrücken, ein Steinbock. Nach insgesamt 3h erreichen wir den Gipfel und lassen die Blicke schweifen. Im Süden schlängeln sich tausende Wadis die Ebene hinab. Diese ist von kleinen Hügelketten durchzogen. Ab und zu sieht man eine Jurte, ein kleiner weißer Punkt in der Unendlichkeit. Im Norden spannen sich die Kongorin Els als langes Band hinter einem gezackten alpinen Panorama. Abstieg direkt. Der kürzeste Weg. Aber auch der steilste. Wir rutschen die Geröllhalde hinab bis uns eine senkrechte Wand stoppt. Das wären fast 20m freier Fall gewesen. Es wird mühsam. Langsam schwinden Kraft und Konzentration. Der Weg zurück zu den abfahrtsbereiten Rädern zieht sich. Recht kraftlos rollen wir trotzdem los, wollen noch den nächsten ca. 15km entfernten Brunnen erreichen. Quälerei. Doch Glück muss man haben. Schon nach 2km eine Quelle und ein wenig Golfrasen. Hierbleiben. Aufatmen. Ausruhen. Wir durchsuchen, gleichsam als Meditation, unsere Marmelade auf Glassplitter. Mit Einbruch der Dunkelheit versammeln sich Pferde zum Saufen am Wasserloch. So sind wir also in "Zurück-zur-Natur-Manier“ eins geworden mit den Bewohnern der Wüste. Verbunden durch das wenige Wasser.

30.07.2006 beim Tessin-Nur km 1.893 / Tag 33.

Am Morgen: Ziegen statt Pferde. Ohne Scheu. Lecken an den Packtaschen herum, nutzen die Bikes als Spielplatz und Klettergerüst. Wir freuen uns und ziehen los. Wohin? Zur China-Grenze. Im Gepäck die über 80%ige Sicherheit, auch da nicht drüberzukommen. Bestätigt darin, allerdings mit 100%iger Überzeugung, werden wir von einem der drei deutschen Biologiestudenten, die heute unseren Weg kreuzen. Insektenforscher. Das heisst, nun wird es sportlich. Wir fahren eigentlich nur noch zur Grenze, um die Mongolei durchkreuzt zu haben. Dann wieder 1-2 Tage zurück. Vielleicht mehr, um einen Jeep Richtung Dalanzadgad zu entern. Dazu eine Scheiss-Piste. Loser Schotter wechselt sich ab mit Sand, dieser mit Wellblech und Wellblech mit Schotter usw.
Habe erstmals die Frage "Warum noch weiter?" im Kopf. Gedanken verscheuchen, weiterfahren. Möglichst keine negative Stimmung aufkommen lassen. Der Weg verläuft beständig in die falsche Richtung. Wir biegen ab, fahren durch schöne Hügellandschaften und kleine sandgefüllte Canyons Richtung Südost. Ziel: Tessin See und die angrenzende Siedlung, wo wir einkaufen wollen. Die 40km-Pause im Sandsturm juckt uns gar nicht. Man wird geduldig und gelassen. Tessin- Dawshui, der Ort am See ist der totale Reinfall. Müllkippen begrüßen uns, dann die Kinder, und eine paar Betrunkene. Hier gibt es nichts, oder nichts mehr. Der nun übersandete westliche Teil des Sees war früher mal mit Stacheldraht abgesperrt. Nun stehen nur noch traurige Betonstelen im Sand. Wir finden den Abzweig Gurvantes / Bajansach. Nomaden teilen uns mit, dass nur Gurvantes über Läden verfügt. Mindestens einen halben Tag Umweg. Aber sicherer. Wasservorräte haben wir noch aus der Tiertränke und ein wenig vom Camp. Die Nomaden laden uns in die nahegelegene Jurte ein. Wir verteilen Bonbons, Zigaretten und Pferdebildchen (auch wenn es hier nur Kamele und Ziegen gibt), bekommen Tee, Airak und in Fett ausgebackene Brotteilchen. Eigentlich wollen wir noch Milch und Brotteile kaufen, bekommen dies aber nach Übermittlung des Kaufwunsches geschenkt...

30.07.2006 beim Tessin-Nur km 1.893 / Tag 33.

... Es ist spät geworden. Wir fahren außerhalb der Sichtweite, was sich hier im Extra-Nichts als nicht so einfach erweist. Hier ist alles gleich. Sandboden, Schnittlauchbüschel, Dornensträucher. Das macht die Wahl des Zeltstandortes trotzdem nicht leichter. Die Sonne geht unter. Ich bin versucht zu sagen: "endlich". Um uns herum toben drei Gewitterfronten. Das ist so lange schön und spannend, bis sich eine davon entschließt zu uns zu kommen. Wir sitzen auf dem Präsentierteller. Die Wanderstöcke als Blitzableiter stehen in 30m Entfernung. Wir kauern auf der Isomatte vorm Zelt, schauen zu und harren der Dinge, die da kommen mögen. Machen auch keine Witze mehr. Sind plötzlich todernst und fühlen uns ausgeliefert. Zum Glück sind wir nicht allein. Wir sind am Leben geblieben und freuen uns darüber. Anscheinend auch der Mongole, der weit nach Mitternacht im Stockdunkeln auf seiner 150er bei uns vorgefahren kommt. Zigarette. Bonbons. Gute Reise. Gute Nacht.

31.07.2006 Gurvantes km 1.938 / Tag 34.

Der Julitag weckt uns mit gleißendem Licht und brütender Hitze. Kein Ton! Kein Windhauch! Schatten: nur unsere eigenen und der des Zeltes. Bis zum Mittag. Es ist kaum zu glauben, aber die Wüste übertrifft sich in ihren eigenen Extremen immer wieder.
Die heutige Strecke offenbart die Gobi von ihrer brutalen Seite. Kein Lufthauch. Hitzerekord und Ödnis, die in ihrer Eintönigkeit kaum zu übertreffen ist. Dazu wieder unsere lieben Pistenfeinde: Sand, Schotter und Wellblech. Wir sind unfähig, miteinander zu kommunizieren, einander abzulenken. Jeder kämpft für sich, jeder Meter ein Erfolg. Jeder Kilometer ein kleiner Sieg. Alle paar Kilometer einige Schluck körperwarmes Wasser. Zu wenig, wie sich bald zeigt. Die Luft flimmert und zaubert spiegelnde Effekte an den Horizont. Gedanken kommen und gehen. Ich kann sie nicht halten. Muss mich auf die Piste konzentrieren und versuchen, die Gedanken daran, wie weit es noch zur Stadt ist, zu verscheuchen. Dann doch ein paar Bilder. Das Planitzer Bad zu meinen Kindertagen. Ich fantasiere einen blauen Pool mit kristallklarem Wasser in die Wüste. Und dann denke ich ans Aufhören. Was wäre, wenn in Gurvantes Schluss ist? Warum sich quälen? Bin ich deswegen hier? Nun ja, ich wollte meine Grenzen kennenlernen. Das kann und tue ich hier. Aber habe ich diese schon erreicht? Bisher verschieben sie sich immer weiter. Immer wenn ich denke, das ist es jetzt, mehr ertrage ich nicht, kann ich doch immer noch einen draufsetzen. Aber heute ist in Gurvantes Schluss. Ziel mit Mühe erreicht, kurz vor der Stadt macht sich die Überdosis Sonne deutlich bemerkbar. Magen und Kopf machen Sorgen, aber aufgeben ist nicht drin. Hier kann man nicht einfach aufhören, hier muss man weiter oder geht drauf. Ein Motorrad steht auf der Piste. Das erste Fahrzeug heute. Davor liegt ein Mann. Reagiert nicht auf Zurufe. Ich rüttle ein wenig und vernehme einen Laut, gebe ihm ein wenig Wasser bis er sich aufrichten kann. Er trinkt mehr und siehe da, er kann sprechen. In russisch. „Maschin kaputt.“ Nun wartet er anscheinend auf ein zufällig vorbeikommendes Auto. Das kommt auch wirklich einige Minuten später. Wir reiten in den Ort ein. Schnurstracks zur Bank. Die hat schon zu. Das Geld wollen sie nicht tauschen, aber Nico bleibt hartnäckig mit einer 20 Dollar Note wedelnd am Schalter stehen. Unsere Lebensmittel sind fast aus. Wir müssen also Geld tauschen und letztendlich tun sie es auch. Und während wir den zahlreichen Läden einen Besuch abstatten und unsere Vorräte wieder auffüllen, organisiert uns der Bänker eine Unterkunft inklusive Verpflegung im städtischen Gästehaus.
Hier werde ich versuchen, den Schritt meiner Zip-Off Hose wieder zu nähen. Es zieht schön rein, sieht aber nicht schön aus.

04.08.2006 Dalanzadgad km 2.089 / Tag 38.

Wir bummeln. Wollen den Aufbruch noch hinauszögern. Aber wir haben noch einige Kilometer vor uns. Der erste Weg führt uns nach Yolin Am. 5km und eine kleine Passhöhe liegen zwischen uns und der Geier- Schlucht. Und genau da passiert es. Sturz. Blutige Hände. Weiterfahren. Touristation Yolin-Am. Ein Parkplatz voller Kleinbusse, Fahrer, bunten Touris und Pferdevermieter. Es sind von hier noch rund 2km bis in die Schlucht. Ich lasse mich überreden, diese auf dem Rücken eines unwilligen Pferdes zurückzulegen. Es ist erniedrigend. Von der Selbstbestimmung auf dem Fahrrad zum Touristen-Narr. Ich sitze auf dem viel zu kleinen Pferd, was an einer Leine hinter dem Guide herläuft (im besten Falle) oder von diesem gezogen werden muss (in meinem Fall). Doch auch das vergeht und die Geierschlucht zieht uns in ihren Bann. Derartiges habe ich noch nicht gesehen. Steil aufragende Felswände rauben mir den Atem. Die Souvenirverkäufer muss man sich einfach wegdenken. Am Grunde der Schlucht schlängelt sich ein kleiner Bach, dem wir folgen. Eis. Im Winter etwa 10m hoch, beeindruckt es mit 2-3m und diesem sanften, grün-bläulichem Schimmern noch immer. Wasser und Sonne haben es skurril geformt. Der Himmel fängt an sich zu verfinstern. Spannung liegt in der Luft. Erste Tropfen fallen. Wir gehen den ganzen Weg zum Parkplatz zu Fuß. Das Pferd erspare ich mir lieber.
Jetzt gewittert es richtig. Das Donnergrollen wirkt inmitten der Berge besonders bedrohlich, hallt von Wand zu Wand wider. Die selben 5km zurück. Diesmal erwischt es Nico gleich zweimal. Der Untergrund macht mit den Rädern, was er will und wir fahren immer unsicherer. An der Kreuzung biegen wir Richtung Dalanzadgad ab. Rollen bis zum Eingang des Nationalparks. Hier statten wir dem kleinen Museum, mit den ausgestopften Wildtieren und ein paar Dino-Eiern und Knochen einen Besuch ab.
Es ist mittlerweile früher Abend und noch liegen 40km bis Dalanzadgad vor uns. Also los. Die Räder sehen mittlerweile aus wie Sau. Aber das Wetter bessert sich nun. 20km bergab, aber es ist eine Tortur. Meine rechte Hand kann sich wegen des Sturzes kaum am Lenker halten und die Piste ist schlecht. Erst auf der Ebene fließt es und wir fahren versöhnt mit der Pistenqualität die letzten Radkilometer unserer Reise. Der Lonely Planet empfiehlt: "Ehnkes Guest House" oder das "Devshil Hotel". Wir beziehen eine 2-Zimmer Suite im Devshil und gehen guansen. Dort versorgen wir uns mit einer Unmenge an Reis, Pommes und Schnitzel...